Dakota
"Freund" oder "Freundschaft"
Wie aus einer XVS 650 ein Custom-Unikat wurde
Manchmal steht man einfach nur da. Die Kippe im Mundwinkel, den Kaffee in der Hand, der Blick starr auf den Rahmen der Yamaha XVS 650 gerichtet. Jeder Custom-Schrauber kennt diesen Moment. Mein Ziel war von Anfang an klar, aber verdammt ambitioniert: Das Rahmendreieck unter dem Sattel muss komplett frei werden. Ein cleaner, luftiger Look – die Königsdisziplin beim Bobber- oder Chopper-Umbau.
Doch die Realität holt dich schnell ein, wenn die Seitendeckel erst einmal runter sind. Dahinter verbirgt sich ein scheinbar unentwirrbares Nest aus Kabeln, Relais und der massiven Batterie. Die große Frage, die mich tagelang verfolgte: Wohin verdammt noch mal mit der ganzen Elektrik?
Das Versteckspiel und der falsche Deckel
Beim intensiven Scannen des Bikes fiel mein Blick auf den Getriebedeckel. Oder besser gesagt: Auf das Bauteil, das so tut, als wäre es einer. Dahinter ist ungenutzter Raum. Perfekt für die Relais! Der Haken an der Sache? Jedes einzelne Kabel musste verlängert werden. Zentimeter für Zentimeter. Stundenlanges Löten, Isolieren und Fluchen.
Die Batterie fand schließlich ihren neuen Platz tief unten im Rahmen, kaum sichtbar. Als alles verkabelt und verstaut war, trat ich einen Schritt zurück, um mein Werk zu bewundern. Das Dreieck war frei. Die Elektrik war weg. Aber die Ernüchterung folgte sofort: Der Blick in das nun offene, ausgeweidete Getriebegehäuse sah einfach scheiße aus. Das Auge fährt schließlich mit. Es musste eine Konstruktion her, die dem Getriebe seine optische Würde zurückgab. Wenn es keine passenden Teile zu kaufen gibt, baut man sie eben selbst. Ich holte mir einen Block Styropor und begann zu schnitzen. Form geben, anhalten, nachbessern, bis das perfekte Positiv vor mir lag. Aus schnödem Beton goss ich mir im nächsten Schritt ein stabiles Negativ. Das war die Form, in der ich den neuen Deckel Schicht für Schicht aus Polyester laminierte. Ein riesiger, staubiger Aufwand, der extrem viel Geduld forderte. Aber als ich den fertigen, passgenauen Deckel das erste Mal ans Bike hielt, wusste ich: Der Aufwand war jeden Cent wert. Die Optik stimmte. Hurra, der erste Meilenstein war geschafft!
Als Nächstes war der Tacho dran. Der klobige Original-Look sollte verschwinden, also funktionierte ich kurzerhand einen Spiegelhalter einer Kawasaki um und montierte den Tacho seitlich neben dem Tank. Minimalistisch, clean, cool.
Doch das Motorrad-Götter-Kollektiv straft jeden Anflug von Übermut sofort ab. Beim Verdrahten der Kontrolllampen stieß ich an meine Grenzen. Die integrierte Neutrallampe trieb mich in den Wahnsinn. Jedes Mal, wenn ich einen Gang einlegte, zog der Minuspol das gesamte System in die Knie und knipste auch alle anderen Kontrollleuchten aus. Ein elektrisches Phänomen, das mich einige graue Haare kostete. Nach stundenlangem Messen und Kopfzerbrechen zog ich die Reißleine und fand eine unkonventionelle, aber extrem cleane Lösung: Die Neutrallampe und die Motorkontrollleuchte wurden kurzerhand direkt in das Scheinwerfergehäuse verlegt. Problem gelöst, Cockpit clean.
Das Erwachen der Rothaut
Bevor der Lackierer endlich sein Handwerk annehmen durfte, ging es an die Details – denn die machen den Unterschied zwischen einem netten Umbau und einem echten Meisterwerk. Ich fertigte individuelle Zierbleche für den Motor und den Tank an. Diese gaben der XVS nicht nur den letzten optischen Schliff, sondern auch ihren stolzen Charakter.
Als finaler Eyecatcher fiel mir noch ein alter Motorendeckel in die Hände. Mit etwas Anpassungsarbeit wurde er zum neuen Gesicht des Luftfilters.
Die Form steht. Die Elektrik sitzt. Jedes Detail erzählt eine Geschichte von schmutzigen Händen und kreativen Lösungen. Jetzt ist sie bereit für die Farbe. Aus der Yamaha XVS 650 ist etwas ganz Spezielles geworden: Die Rothaut ist bereit für die Straße.



